Boppin' B und Kriss in Hannover (Faust)
Heute beginnt mein kleiner, aber feiner Konzertmarathon...vier Gigs in sechs Tagen, gut verteilt im Norden und Süden. Es startet mit Boppin’ B in Hannover. Blöd, dass erst Donnerstag ist, ich auf jeden Fall Freitag arbeiten muss. Ich bin ja schon glücklich, am Montag und Dienstag Urlaub nehmen zu können. Als jemand, der die Löhne im Betrieb macht, ist es nicht gerade üblich, am Monatsanfang zu fehlen. Aber der Deal mit dem Chef lautet: Ich stelle die Löhne bereits am letzten Tag im Monat fertig, so bekommen alle ihr Geld – und der letzte, fehlende Tag wird im Folgemonat korrigiert. So ist es dann aber klar, dass ich mal wieder wenig Schlaf bekommen werde, denn Hannover ist irgendwie Pflicht für mich. Ich kann diese Stadt zwar überhaupt nicht ausstehen (Autofahren dort macht gar keinen Spaß), aber in diesem schnuckeligen Club (Sechziger-Jahre-Halle, gehört zum Faust Kulturzentrum) habe ich die Scheisskapelle bereits vor zweieinhalb Jahren gesehen und gute Erinnerungen daran. Bis auf die Anfahrt, denn die Location liegt in einem Wohngebiet, viele Einbahnstraßen, immer rechts, links, links, rechts abbiegen. Damals waren wir zu dritt und haben uns mühsam durchgekämpft…heute steht mir dieses Abenteuer allein bevor, denn auf einem Donnerstag hat natürlich nicht jeder Zeit, mal eben zu einem Konzert zu reisen.
Aber ich lasse es ruhig angehen, nehme noch einen langersehnten Frisörtermin wahr (so entspannend nach einem hektischen Tag) und mache mich danach auf die Autobahn. Stau ist angesagt, Stau ist auch tatsächlich vorhanden…doppelt so viel wie im Radio bekanntgegeben, aber zeitlich hab ich keine Probleme, denn Einlass soll erst um 20 Uhr sein, ich bin 17.30 Uhr losgekommen – alles machbar für 90 km. Das Durchkämpfen bis zum Club durchs Hannoveraner Strassengewirr ist dann wirklich nicht einfach, habe ich doch niemanden, der mir da was vom Routenplan vorlesen kann oder auch nur in der Dunkelheit die Straßennamen besser erkennt als ich. Nun…irgendwann bin ich aber doch da, finde in einer Sackgassen den letzten freien Parkplatz…es fängt an zu regen. Bäh…Sasha hat morgens aus dem Radio verkündet, dass heute mein „Lucky Day“ ist…kann der jetzt bitte anfangen? Eine Erkältung, die über Nacht angeflogen kam, plagt mich, ich hab Kopfweh…bin abgekämpft von der Kurverei – reicht jetzt an Stressfaktoren.
Ich tapse über Hinterhöfe, glücklicherweise gut beleuchtet, weiß nicht so wirklich, wo ich hin soll…so bekannt kommt mir das noch nicht vor. Ich frage jemanden, der Papierkörbe ausleert…Sechziger-Jahre-Halle? Joh, gleich um die Ecke…und tatsächlich, nun erkenne ich das Gebäude wieder. Angekommen. Und warum ist die Tür da schon offen? Ist doch noch nicht mal 19.30 Uhr…da wird doch nicht schon Einlass sein? Herzklopfen…die Türen werden geöffnet und ich bin noch nicht da? Alle Plätze in der ersten Reihe bereits besetzt? Panik macht sich breit, resolut geh ich in den Club, ein freundlicher Mitarbeiter begrüßt mich, erklärt, es gab wohl Unklarheiten wegen dem Einlass…irgendwo stand was mit 19 Uhr…daher haben sie auch schon mal aufgemacht…schluck. Ich gebe mein Ticket, kassiere meinen Stempel und gehe in die Halle…häh? Irgendwie sehr…leer…Ich geh zurück und frage, ob ich denn nun die erste sei. Nein, da wären schon zwei da gewesen, aber die sind wieder gegangen. Okay:-) – dann ist ja alles gut. Ich gucke mich erst mal um, konnte mich an das eine oder andere Detail im Club erinnern. Und werde gleich angesprochen, ob man
mir weiterhelfen könnte. Nö, alles gut…ich komme ins Plaudern, der superfreundliche Mann erzählt, man hätte etwas umgebaut, die Bühne wäre anders, er hätte Boppin’ B gebucht (ich lobe ihn dafür sehr) und als Vorband spielt Kriss, ein Kumpel von ihm…ach nee, guck…der Kriss, der auch die Monsters of Liedermaching schon supported hat…ich bin sehr gespannt, den wollte ich doch schon längst mal live sehen.
Ich hol mir was zu trinken und setze mich erst mal neben der Bühne hin…immer noch gähnende Leere…es dauert auch eine ganze Weile, bis die ersten Leute kommen…zögerlich. Dann endlich eine Bekannte von mir, da kann man wenigstens quatschen. Von weiteren Fans, die eigentlich kommen wollten, noch weit und breit nichts zu sehen. Irgendwann so kurz nach halb neun stellen wir schon mal unsere Sachen auf die Bühne – Revier markieren, quasi:-) Dann dauert es auch nicht mehr lange und ein junger Mann steht plötzlich auf der Bühne…aha, unbemerkt angeschlichen. Das ist der Kriss, der fängt auch gleich mal an, zu spielen. Liedermaching hat er sich auf die Fahne geschrieben – und in erster Linie, das wird schnell klar, singt er von Beziehungen. Er sieht so jung aus, hat da aber schon einiges hinter sich, wie es scheint. Seine Songs heißen „Keine Fragen“, „So weit weg“, „Regentage“ usw. Der Club ist zu diesem Zeitpunkt sparsam gefüllt, eher noch sehr leer, aber trotzdem gibt’s warmen Applaus für Kriss.
Leben kommt in die Bude, als er berichtet, dass er in Anbetracht, dass ja gleich ein Rock’n’Roll-Konzert stattfindet, eine seiner Gitarren getuned hat und das führt er auch gleich vor…anstelle des sonst relativ leisen Geräusches, das durch das Klopfen auf den hölzernen Gitarrenkörper entsteht, gibt’s hier fette Beats- „Akustik HipHop“ heißt der Song dazu…ich bin fasziniert:-) –
HipHop-Liedermaching nennt Kriss das ganze. (bei Interesse: Kriss’ virtuelles Zuhause www.krisscologne.de).
Dann geht’s weiter mit Beziehungssongs. Aber beim letzten Lied, „Wieder allein“, greift er wieder zur Beat-Gitarre und legt noch einmal richtig los. Er hat die Rock’n’Roller aus Aschaffenburg auch noch nicht live gesehen, verkündet er, aber er freut sich schon sehr, denn allein deren Soundcheck hätte schon richtig gerockt…Jepp, so sind sie:-)
Nun erscheinen auch die bisher vermissten Fans – und zack, ist die erste Reihe, vorher nur von vier Leutchen frequentiert, endlich voll…kann losgehen…die Band lässt auch nicht lange auf sich warten. Viel umgebaut werden muss ja nicht, unter Jubel betreten sie die Bühne.
Sie zeigen sich sehr erstaunt, dass es doch wieder ein paar Leuten gelungen ist, herauszufinden, dass sie hier ein Geheimkonzert geben – tja, Fans sind schlau. Sicherlich wünscht man sich mehr Publikum, aber es ist halt Donnerstag und nur zwei Tage später spielt Boppin’ B in Nienburg…das ist a) auch nicht sehr weit von Hannover entfernt und b) ein Samstag…ich denke, da wird es dann auf jeden Fall voller.
Aber wie man die Band kennt und schätzt, sie lassen sich nicht aufhalten, nur weil der Saal nicht proppevoll ist und reden dafür umso mehr lustiges Zeugs. Aber erst einmal legen sie los mit „Army of Rock’n’Roll“ und „The only way“. Dann Ansage für einen Song, der eigentlich von einem Typen kommt, der seine Musiker immer mit lustigen Anzügen unterhalten hat. Ah…Elvis ;-) – „Trouble“ ist der Song dazu. Nicht so meins, aber man braucht ja auch Zeit zum Fotografieren.
Die Aufforderung der Band, die in absoluter Erzähllaune ist, dass jeder im Publikum gleich mal seinen Namen tanzen soll, führt schon zu Lachsalven. Als dann aus den hinteren Reihen laut „Dixie“ gebrüllt wird, ist man sich auf der Bühne nicht einig, ob da jemand aus einem Tanz den Namen Dixie oder Trixie erkannt hat – oder ob es doch eher der Ruf nach einer Toilette ist.
Man weist aber vorsorglich darauf hin, dass es hier im Club fest eingebaute Toiletten gibt und man nicht aufs Dixie-Klo muss. Das Publikum soll schon mal Lösungsvorschläge zu diesem Mysterium aufschreiben und am Merchandise-Stand abgeben, es würde eine große Verlosung daraus gemacht. Ja nee, is klar:-)
Aber auch musikalisch geht’s dann weiter. „Sh-Boom“ rockt wie immer…“Those were the days“ ist dann der richtige Anlass, den guten Franky ins Rampenlicht zu rücken. Er gesteht, dass bei ihm Stromausfall herrscht und er daher dermaßen unrasiert daher kommt (sehr gut auf den Fotos zu erkennen *gg*). Hm, das sieht eher nach dauerhaft abgestelltem Strom aus.
Nachdem „Those were the days“ sich doch sehr lang dahin zieht, weil jedem in der Band immer noch was einfällt, was zu berichten wäre, geht’s danach flott weiter mit „Wild saxophone“ und „The bop won’t stop“ (könnt ihr euch vorstellen, wie Micha den Namen BOB getanzt hat? :-) Dann klopft mein Herz ganz heftig…der neue Song, den die Boppin-Bande in Gütersloh, wo ich nicht zugegen sein konnte, das erste live Mal präsentiert hat, wird angesagt. „On the radio“ heißt er, soll Anfang nächsten Jahres als Single herauskommen – und ich liebe ihn auf Anhieb – hach ist das schön…glückselig strahle ich vor mich hin – filme mit, schwieriges Unterfangen bei den Lichtverhältnissen, aber egal. Mir geht’s um den Ton.
Nun folgen Schmankerl wie „Ein toller Tag (Mädcheninternat)“, „Dig your man a grave“ oder „Hand in hand“. Und dann die nächste Premiere für mich…ein zweiter neuer Song, „Radio day“. Der fetzt richtig, ich überlege, warum der Gitarrenriff mir so bekannt vorkommt…ist mir noch nicht eingefallen, muss ich erst noch abklären. Aber auch super, dieses Lied. „King of Bongo“ und „How low will you go“ sind die nächsten Programmpunkte. Natürlich darf in Hannover auch der geniale Cover des Scorpions-Klassikers „Wind of change“ nicht fehlen. Die Hannoveraner sind zwar beim Mitsing-Teil nicht wirklich textsicher, sind die Scorpions wohl doch nicht mehr die bekanntesten Söhne der Stadt…ich bin da ja eigentlich auch mehr für Mousse T.;-) – aber immerhin prophezeit Micha, dass nun allen Lederkappen wachsen würden. Nee, nicht doch.
Das Scheisskapelle-Rufen klappt hier irgendwie überhaupt nicht. Beim ersten Fragen von „Do you feel allright?“ brüllt ein Teil der Leute „YEAH“…Mama mia, so viele Neue dabei? Der Scheisskapellen-Song wird somit auch gleich gar nicht gespielt und das Rufen nicht weiter geübt.
Golo hat heute ein Saitenproblem…erst reißt eine Saite…er wechselt die Gitarre…ein Mitarbeiter des Clubs oder so holt sich die Gitarre, bietet an, die Saite zu wechseln. Okay…dann das Malheur…auch auf der zweiten Gitarre Saiten-Schaden – und die erste Gitarre weg…der Typ über alle Berge? Klar, dass die Kollegen da ihre Späßchen machen und Golo tadeln, dass er jedem Dahergelaufenen sein Instrument mitgibt. Aufforderungen ergehen ans Publikum, falls man einen Kerl mit Gitarre herumrennen sieht…das ist kein Musiker, sondern lediglich ein ordinärer Dieb.
Nach der von mir heißgeliebten Ballade „Hold on“ präsentiert Golo dann „Ubangi stomp“. Bei „Jump jive and wail“ gibt’s die schöne Akrobatik von Franky und Golo zu sehen. Dann schon „ If you believe“, das wie immer rockt wie Sau. Das darauffolgende „Boulevard of broken dreams“ wächst mir auch immer mehr ans Herz, ich hopse vor mich hin und bin mal wieder glücklich.
Aber dann…dann werde ich noch glücklicher gemacht…ich hätte nie damit gerechnet, aber „I want you to be my baby“ bildet den Abschluss des Sets. Die Band marschiert bis auf Micha auch mal mutig durchs Publikum…Auch wenn die Leute beim Mitsingen nicht gerade enthusiastisch sind und ich da teilweise allein singe, genieße ich diesen Song, der es mir sehr angetan hat. Ich hab mal wieder Zeit, Raum, Erkältung und alles um mich herum vergessen – das Leben ist so schön!
Währenddessen taucht dann auch der vermeintliche Gitarrendieb wieder auf und gesteht, er bekommt die Saite nicht gewechselt. Auch heute geht natürlich gar nichts ohne Zugabe. Mit „Blitzkrieg Bop“ starten die Musiker – und es gibt sofort Verletzte zu beklagen. Golo hat sich beim Saitenaufziehen den Finger aufgeratscht, das Blut verschmiert seine Gitarre…heieiei…mitdenkende Fans haben für ihn sofort ein Pflaster parat, aber auch das klebt nicht zu seiner Zufriedenheit…muss es halt so weiter gehen, Rock’n’Roll ist halt kein Kindergeburtstag:-)
„Dirty Boogie“ folgt dem Ramones-Klassiker, mit „Lonely“ wird dieser Zugabenteil beendet. Aber noch immer haben wir nicht genug…Laut Scheisskapelle brüllen hilft da meist…auch heute. Golo, Thomas und Didi kehren zurück und bringen den Klassiker „Neulich in der Prärie“ – dann kommen auch Franky und Micha auf die Bühne – und nun werde ich noch mal richtig geflasht und traue meinen Ohren nicht…Thomas kündigt ein ruhiges Stück an, man möchte uns nicht so aufgedreht in den Strassenverkehr entlassen – und es gibt tatsächlich „Brokenhearted story“, der Song, den es sonst nur in Aschaffenburg gibt, wenn der Scheiß-Background mit von der Partie ist. Oh Mann, ist das schön. Für mich quasi vorgezogenes Weihnachten, denn dieses Jahr kann ich nicht zu den legendären Weihnachtskonzerten in die Heimatstadt der Scheisskapelle fahren.
Sehr zufrieden und glücklich stehe ich nach dem Gig noch vor der Bühne – nun ist es doch noch ein Lucky Day geworden…meine neben mir stehende Bekannte lehnt sich an mich, ich denke, sie ist genauso geflasht wie ich – und merke erst nach und nach, dass sie gerade einen Kreislaufkollaps hat und fast schon ohnmächtig ist. Schnell holen wir einen Stuhl, platzieren sie, besorgen etwas zu trinken…bis die Lebensgeister zurückkehren und sie wieder etwas Farbe ins Gesicht bekommt. Nun ist es dann aber auch Zeit, Abschied zu nehmen von diesem wirklich schönen Club mit seinen freundlichen Mitarbeitern, die einen höflich auffordern, zu gehen.
Passt schon, ich muss eh los, der nächste Arbeitstag will durchgestanden sein – und am Abend lockt dann ja schon das nächste Konzert – mein Heimatkonzert in Worpswede…juchhu, ich freu mich so. Die Heimfahrt will ich mal nicht näher beschreiben…es hat dermaßen gegossen, dass ich kurz überlegt habe, ob ich nicht meine am Wochenende anstehende Reise nach Hessen und Bayern absagen soll und schon mal mit dem Bau einer neuen Arche beginne…aber um 1.30 Uhr lande ich dann doch endlich daheim und kann dem nächsten musikalischen Abenteuer entgegen träumen.
Für mich noch besonders erwähnenswert wäre, dass dies mein erstes rauchfreies Clubkonzert ist. Darauf hab ich lange gewartet und es ist großartig! Danke an Niedersachsen, dass das Rauchverbot hier schon eingeführt wurde – und danke an den Club, der sich dran hält, obwohl noch keine Strafen bei Missachtung des neuen Gesetzes ausgesprochen werden…
- BiBi -
Und hier geht’s zu den Fotos aus Hannover von Boppin’ B und Kriss
